{"id":450,"date":"2019-06-04T19:22:25","date_gmt":"2019-06-04T17:22:25","guid":{"rendered":"http:\/\/signet.berlin\/?p=450"},"modified":"2019-06-04T19:37:31","modified_gmt":"2019-06-04T17:37:31","slug":"genozide-in-namibia-dialog-mit-betroffenen-suchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/signet.berlin\/en\/genozide-in-namibia-dialog-mit-betroffenen-suchen\/","title":{"rendered":"Genozide in Namibia &#8211; Dialog mit Betroffenen suchen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Symposium und Konferenz in Namibia<\/h2>\n\n\n\n<p>&#8220;Wann werden die Deutschen endlich mit den Ovahereros und Namas als Gleiche sprechen?&#8221; Die Frage von Maria, einer Vertreterin der Ovahereros, deren Urgro\u00dfeltern zu den Opfern des Genozides der Deutschen in der damaligen Kolonie &#8220;Deutsch-S\u00fcdwestafrika&#8221; geh\u00f6ren wiegt schwer. Wir sind in Windhoek auf der ersten Konferenz, in der die Stimmen der Opfer des von deutschen 1904-1908 ver\u00fcbten Genozides an den einheimischen St\u00e4mmen erstmals \u00f6ffentlich sprechen k\u00f6nnen und Geh\u00f6r finden.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">1904: Der erste Genozide des 20. Jahrhunderts &#8211; ver\u00fcbt von Deutschen<\/h4>\n\n\n\n<p>1904 befand sich die damalige Kolonie des Deutschen Kaiserreiches in einer nach wie vor fragilen, von vielen K\u00e4mpfen und Auseinandersetzungen gepr\u00e4gten Situation wieder. Die deutsche Kolonialmacht versuchte mit allen Mitteln die einheimische Bev\u00f6lkerung f\u00fcr ihre Zwecke auszubeuten. Dies beinhalte Kooperationen, Druck und Gewalt. Als die Ovahereros dagegen rebellierten, wurde die kleine Schutztruppe der Deutschen davon \u00fcberrascht. Mit all ihrer kolonialen \u00dcberheblichkeit hatte man der einheimischen Bev\u00f6lkerung eine derartige Aktion nicht zugetraut. Umso f\u00fcrchterlicher wurde die Reaktion, die der Wiederherstellung der eigenen Superiorit\u00e4t diente. Auf Befehl von General von Throta wurden keine Gefangenen gemacht, sondern bewu\u00dft erschossen und die \u00dcberlebenden der Gefechte, M\u00e4nner, Frauen und Kinder in die W\u00fcste getrieben, deren Wasserstellen vergiftet und alle Auswege verschlossen. \u00dcber 80.000 Menschen starben auf qualvolle Weise &#8211; fast 80% der damaligen Bev\u00f6lkerung (die Zahlen beruhen auf Sch\u00e4tzungen, die nach wie vor diskutiert werden). Der erste Genozide des 20. Jahrhunderts ver\u00fcbt von Deutschen in Afrika. Die wenigen \u00dcberlebenden wurden in Konzentrationslagern zusammengepfercht, wo viele von ihnen an Krankheiten und Unterern\u00e4hrung, oder einfach Vernachl\u00e4ssigung, starben. Ihre Leichen wurden im W\u00fcstensand notd\u00fcrftig verscharrt und dem Vergessen anheim gegeben. Obgleich vielf\u00e4ltige Quellen die Internationalit\u00e4t der Vernichtung der einheimischen Bev\u00f6lkerung durch die F\u00fchrung von Throta belegen, ist der Diskurs \u00fcber die Frage, ob dies ein V\u00f6lkermord war oder nicht, noch immer nicht abgeschlossen. Die Vertreter der Opferorganisationen erleben dies als erneute Benachteiligung und erleben wieder ihre Ohnmacht angesichts dieser Perpetuieren post-kolonialen Unrechts.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Allgegenwart kolonialer Vergangenheit&nbsp;<\/h4>\n\n\n\n<p>2004 &#8211; 100 Jahre nach dem Genozide &#8211; entschuldigte sich die damalige Ministerin f\u00fcr Entwicklungszusammenarbeit, Heidemarie Wieczorek-Zeul bei den Ovahereros und Namas als den St\u00e4mmen, die die meisten Opfer zu beklagen hatten. Doch die Bundesregierung beeilte sich, dies als pers\u00f6nliche Meinungs\u00e4u\u00dferung zu bezeichnen. Bis heute gibt es keine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Allgegenwart der deutschen kolonialen Vergangenheit in Windhoek und Swakopmund zeigt eines sehr deutlich: Deutscher Kolonialismus ist nicht Vergangenheit. Die Strukturen von Landnahme, Rassismus und V\u00f6lkermord ragen tief in die Gegenwart hinein. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zerrissenheit eines der am d\u00fcnnsten besiedelten L\u00e4nder weltweit.&nbsp;Die Traumatisierung von ganzen Volksst\u00e4mmen wie den Herrero oder Nama wird in der langen kolonialen Geschichte des Landes zudem \u00fcberlagert von der s\u00fcdafrikanischen Apartheitspolitik und den globalen neokolonialen Zugriffen auf die Rohstoffe des Landes.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Den Stimmen der Opfer Geh\u00f6r verschaffen<\/h4>\n\n\n\n<p>Die Opferverb\u00e4nde haben vielfach versucht, ihren Stimmen Geh\u00f6r zu verschaffen. Erfolglos. Zwar verhandelt die Bundesregierung seit vielen Jahren mit der Staatsregierung von Namibia. Nur bei diesen Verhandlungen auf staatlicher Ebene sind die Opferverb\u00e4nde nicht vertreten. Die Diskriminierung geht immer weiter &#8211; auch heute noch, werden die Opfer zu Opfern gemacht und k\u00f6nnen nicht mitverhandeln bei Fragen, die zuallererst sie selbst betreffen. Statt das mit ihnen gesprochen wird, wird \u00fcber sie gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Recht bietet die Chance, denjenigen, die von der Macht ausgeschlossen sind, Zugang zu ihrem Recht zu verschaffen. Daher suchten die Opferverb\u00e4nde \u00fcber den Klageweg sich zumindest Geh\u00f6rt zu verschaffen. Dies ist \u00fcber die Einreichung einer Klage vor einem Bezirksgericht in New York gelungen. Auch wenn die Klage abgewiesen wurde, sie hat weltweite Aufmerksamkeit f\u00fcr das Thema geschaffen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Verantwortung und Rolle der Zivilgesellschaft<\/h4>\n\n\n\n<p>Das European Center for Constitutional Rights hat gemeinsam mit der Akademie der K\u00fcnste in Berlin Anfang 2018 eine Veranstaltungsreihe zum Unrecht des Kolonialismus aufgelegt. Auf der ersten Konferenz f\u00fchrten die intensiven Auseinandersetzungen zu dem Wunsch der Vertreter der Ovahereros und Namas, ein solches Format auch in Namibia selbst durchzuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Thomas R. Henschel war auf Einladung der Veranstalter als Mediator bei den Gespr\u00e4chen in Namibia dabei. Es wurde deutlich, dass die zwischenstaatlichen Verhandlungen, so wichtig sie auch sind, alleine nicht zu einer L\u00f6sung der Probleme der Betroffenen f\u00fchren. Deswegen ist das Engagement zivilgesellschaftlicher Akteure so wichtig. Die Initiatoren und die Bertroffenen sehen eine einzigartige M\u00f6glichkeit f\u00fcr die Transformation historischer Traumata nd die Entwicklung einer kulturellen und wissenschaftlichen Emanzipation, beispielsweise durch die Entwicklung eines lebendigen Ged\u00e4chtnisraumes.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ohne Dialog wird es keine L\u00f6sung geben<\/h4>\n\n\n\n<p>Diesen Dialog gilt es fortzuf\u00fchren. Wir sind mit gro\u00dfer Sorge aus Namibia zur\u00fcck gekehrt und wir haben dies in einem Brief an die Bundeskanzlerin, Dr. Angela Merkel, den Au\u00dfenminister, Heiko Maas, und Staatsministerin Frau Michelle M\u00fcntefering zum Ausdruck gebracht. Darin fordern wir (das European Center for Constitutional and Human Rights, die Akademie der K\u00fcnste und die Forschungsstelle Hamburgs (Post-)koloniales Erbe der Universit\u00e4t Hamburg), dass die deutsche Bundesregierung bei der Aufarbeitung des Genozids an den Ovalerer und Nama vor 115 Jahren endlich den Dialog mit den Betroffen suchten, statt nur auf zwischenstaatliche Verhandlungen zu setzen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Umgang mit Verbrechen von der Dimension eines Genozides braucht mehr: er erfordert die Schaffung von R\u00e4umen, in denen die Antagonismen aller Betroffenen verhandelt werden k\u00f6nnen. Es braucht die F\u00e4higkeit den schmerzhaften Erfahrungen Raum zu geben und zuzuh\u00f6ren und gemeinsam trauern zu k\u00f6nnen. Dies sind langwierige Prozesse, sie brauchen Geduld und sind zu wichtig, als das wir sienur staatlichen Verhandlungen oder nur den Juristen \u00fcberlassen d\u00fcrfen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verbrechen lassen sich nicht wieder gut machen, aber wir heutigen sind aufgefordert uns so zu verhalten, dass eine Transformationen m\u00f6glich wird, die eine bessere Zukunft schaffen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben uns nunmehr entschlossen, unseren Brief der \u00d6ffentlichkeit nicht l\u00e4nger vorzuenthalten.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.mediationsakademie-berlin.de\/fileadmin\/mab2010\/user_upload\/documents\/Dialog_mit_Betroffenen_Brief_an_die_Bundeskanzlerin.pdf\">FORDERUNG NACH DIALOG MIT DEN BETROFFENEN &#8211; BRIEF AN DIE BUNDESREGIERUNG<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/www.mediationsakademie-berlin.de\/fileadmin\/mab2010\/user_upload\/documents\/Dialog_mit_Betroffenen_Brief_an_die_Bundeskanzlerin.pdf\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.mediationsakademie-berlin.de\/uploads\/RTEmagicC_Bildschirmfoto_2019-05-15_um_11.49.32.png.png\" alt=\"\"\/><\/a><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Symposium und Konferenz in Namibia &#8220;Wann werden die Deutschen endlich mit den Ovahereros und Namas als Gleiche sprechen?&#8221; Die Frage von Maria, einer Vertreterin der&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":465,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[23,19,17,8,7,21,20,12,13,18],"class_list":["post-450","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-dr-thomas-r-henschel","tag-hereros","tag-human-rights","tag-mediation","tag-menschenrechte","tag-namas","tag-ovahereros","tag-thomas-henschel","tag-thomas-r-henschel","tag-voelkermord-namibia"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Genozide in Namibia - Dialog mit Betroffenen suchen - SIGNET Berlin<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/signet.berlin\/genozide-in-namibia-dialog-mit-betroffenen-suchen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"en_US\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Genozide in Namibia - Dialog mit Betroffenen suchen - SIGNET Berlin\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Symposium und Konferenz in Namibia &#8220;Wann werden die Deutschen endlich mit den Ovahereros und Namas als Gleiche sprechen?&#8221; Die Frage von Maria, einer Vertreterin der&hellip;\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/signet.berlin\/genozide-in-namibia-dialog-mit-betroffenen-suchen\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"SIGNET Berlin\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2019-06-04T17:22:25+00:00\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"2019-06-04T17:37:31+00:00\" \/>\n<meta property=\"og:image\" content=\"https:\/\/signet.berlin\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/IMG_2365-1024x768.jpg\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:width\" content=\"1024\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:height\" content=\"768\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:type\" content=\"image\/jpeg\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"Thomas\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Written by\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"Thomas\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:label2\" content=\"Est. reading time\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data2\" content=\"5 minutes\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\\\/\\\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"Article\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/signet.berlin\\\/genozide-in-namibia-dialog-mit-betroffenen-suchen\\\/#article\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/signet.berlin\\\/genozide-in-namibia-dialog-mit-betroffenen-suchen\\\/\"},\"author\":{\"name\":\"Thomas\",\"@id\":\"http:\\\/\\\/signet.berlin\\\/en\\\/#\\\/schema\\\/person\\\/4c049385592ef3a11dc8ce56e1f52678\"},\"headline\":\"Genozide in Namibia &#8211; Dialog mit Betroffenen suchen\",\"datePublished\":\"2019-06-04T17:22:25+00:00\",\"dateModified\":\"2019-06-04T17:37:31+00:00\",\"mainEntityOfPage\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/signet.berlin\\\/genozide-in-namibia-dialog-mit-betroffenen-suchen\\\/\"},\"wordCount\":1017,\"image\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/signet.berlin\\\/genozide-in-namibia-dialog-mit-betroffenen-suchen\\\/#primaryimage\"},\"thumbnailUrl\":\"https:\\\/\\\/signet.berlin\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2019\\\/06\\\/IMG_2365.jpg\",\"keywords\":[\"Dr. Thomas R. 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